Herbert Weß, Kirchenmusiker, Organist, Musiklehrer

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Kennen Sie den schon???

Die Arche

 

Nach vielen Jahren sah Gott wieder

einmal auf die Erde.

Die Menschen waren

verdorben und gewalttätig und er

beschloss, sie zu vertilgen,

genau so,

wie er es vor langer langer Zeit schon

einmal getan hatte.

Er sprach zu Noah: "Noah, bau mir noch

einmal eine Arche aus Zedernholz,

sowie damals:

300 Ellen lang, 50 Ellen breit

und 30 Ellen hoch.

Ich will eine zweite Sintflut

über die Erde bringen.

Die Menschen haben nichts dazugelernt.

Du aber gehe

mit deiner Frau,

deinen Söhnen und deren Frauen

in die Arche

und nimm von allen Tieren zwei mit,

je ein Männchen und ein Weibchen.

In sechs Monaten werde ich den großen

Regen schicken."

Noah stöhnte auf; musste das denn schon

wieder sein?

Wieder 40 Tage Regen

und 150 unbequeme Tage auf dem Wasser

mit all den lästigen Tieren an Bord

und ohne Fernsehen !

Aber Noah war gehorsam und versprach, alles

genau so zutun,

wie Gott ihm aufgetragen hatte.

 

Nach sechs Monaten zogen dunkle Wolken

auf und es begann zu regnen.

Noah

sah in seinem Vorgarten

und weinte und,

da war keine Arche.

"Noah“ rief der Herr,

"Noah, wo ist die Arche?"

Noah blickte zum Himmel und sprach:

"Herr, sei mir gnädig" und verstummte.

Gott fragte abermals:

"Wo ist die Arche, Noah?

 

Da trocknete Noah seine Tränen und sprach:

"Herr, was hast du mir angetan?

Als Erstes beantragte ich beim Landkreis eine

Baugenehmigung.

Die dachten

zuerst, ich wollte einen extravaganten

Schafstall bauen.

Die kamen mit der ausgefallenen Bauform nicht

zurecht,

denn an einen Schiffbau

wollten sie

nicht glauben.

Auch deine Maßangaben stifteten

Verwirrung, weil niemand mehr weiß, wie

lang eine Elle ist.

Also musste mein Architekt einen neuen

Plan entwerfen.

Die Baugenehmigung wurde mir zunächst

abgelehnt,

weil eine Werft in einem

Wohngebiet planungsrechtlich unzulässig

sei.

 

Nachdem ich dann endlich ein passendes

Gewerbegrundstück gefunden hatte,

gab es nur noch Probleme.

Im Moment geht es z. B. um die Frage,

ob die Arche feuerhemmende Türen,

eine Sprinkleranlage

und einen Löschwassertank benötige.

Auf einen Hinweis,

ich hätte im Ernstfall rundherum

genug Löschwasser,

glaubten die Beamten,

ich wollte mich über

sie lustig machen.

Als ich ihnen erklärte,

das Wasser käme noch in großen Mengen,

und zwar viel mehr als ich zum Löschen

benötigte,

brachte mir das den Besuch eines Arztes vom

Landeskrankenhaus ein.

Er wollte von mir wissen,

was ein Schiffbau auf dem Trockenen,

fernab von jedem Gewässer,

solle.

Die Bezirksregierung teilte mir daraufhin telefonisch

mit,

ich könnte ja gern ein Schiff bauen,

müsste aber selbst zusehen,

wie es zum nächsten größeren Fluss käme.

Mit dem Bau eines Sperrwerks

könnte ich nicht rechnen,

nachdem der Ministerpräsident

zurückgetreten sei.

Dann rief mich noch ein anderer Beamter dieser

Behörde an,

der mir erklärte,

sie seien inzwischen ein kundenorientiertes

Dienstleistungsunternehmen

und darum wolle er mich darauf hinweisen,

dass ich bei der EU in Brüssel eine Werftbeihilfe

beantragen könne;

allerdings müsste der Antrag achtfach

in den drei Amtssprachen

eingereicht werden.

 

Inzwischen ist beim Verwaltungsgericht ein

vorläufiges Rechtsschutzverfahren

meines Nachbarn anhängig,

der einen Großhandel für Tierfutter betreibt.

Der hält das Vorhaben für einen großen Werbegag -

mein Schiffbau sei nur darauf angelegt,

ihm Kunden abspenstig zu machen.

Ich habe ihm schon zwei Mal erklärt,

dass ich gar nichts verkaufen wolle.

Er hört mir gar nicht zu

und das Verwaltungsgericht

hat offenbar auch viel Zeit.

 

Die Suche nach dem Zedernholz habe ich

eingestellt.

Libanesische Zedern dürfen nicht mehr eingeführt

werden.

Als ich deshalb hier im Wald Bauholz

beschaffen wollte,

wurde mir das Fällen von Bäumen -

unter Hinweis auf das Landeswaldgesetz verweigert.

Dies schädige den Naturhaushalt

und das Klima.

Außerdem sollte ich erst eine Ersatzaufforstung

nachweisen.

Mein Einwand, in Kürze werde es gar keine Natur

mehr geben

und das Pflanzen von Bäumen

an anderer Stelle

sei deshalb völlig sinnlos,

brachte mir den zweiten Besuch des Arztes

vom Landeskrankenhaus ein.

Die angeheuerten Zimmerleute versprachen mir

schließlich,

für das

notwendige Holz selbst zu sorgen.

Sie wählten jedoch

erst einmal einen Betriebsrat.

Der wollte mir mit zunächst einen Tarifvertrag

für den Holzschiffbau auf dem flachen Lande

ohne Wasserkontakt aushandeln.

Weil wir uns aber nicht einig wurden,

kam es zu einer Urabstimmung und zum Streik.

Herr, weißt du eigentlich, was Handwerker heute

verlangen?

Wie soll ich denn das bezahlen?

 

Weil die Zeit drängte,

fing ich schon einmal an,

Tiere einzusammeln.

Am Anfang ging das noch ganz gut,

vor allem die beiden Ameisen sind noch immer

wohlauf.

Herr, ist dir eigentlich klar,

dass ich auch nach der Europäischen

Tierschutztransportverordnung

eine Genehmigung brauche?

Ich bin schon auf Seite 22 des Formulars

und grüble im Moment darüber,

was ich als Transportziel angeben soll.

Und wusstest du,

dass z. B Geweih tragende Tiere

während der Brunftzeit

überhaupt nicht

transportiert werden dürfen?

Und die Hirsche sind ständig am Schnackeln,

wie Fürstin Gloria sagen würde

und auch der gemeine Elch

und Ochse denken an nichts anderes,

besonders die südlicheren!

Herr,wusstest du das?

Übrigens, wo hast du eigentlich die

Callipepia caliconica -

du weißt schon,

die Schopfwachteln

und den Lethamus Discolor versteckt?

Den Schwalbensittich habe ich bisher

auch nicht finden können!

Dir ist natürlich auch bewusst,

dass ich die 43 Vorschriften

der Binnenmarkt - Tierschutzverordnung

bei dem Transport der Kaninchen strikt

beachten muss.

Meine Rechtsanwälte prüfen gerade,

ob diese Vorschriften auch für Hasen gelten.

 

Übrigens: wenn du es einrichten könntest,

die Arche als fremdflaggiges Schiff zu deklarieren,

das sich nur im Bereich des deutschen

Küstenmeeres

aufhält,

bekäme ich die Genehmigung viel einfacher.

Du könntest dich doch auch einmal

für mich bemühen.

Ein Umweltschützer von Greenpeace

erklärte mir,

dass ich Gülle, Jauche, Exkremente

und Stallmist

nicht im Wasser entsorgen darf.

Wie stellst du dir das eigentlich vor?

Damals ging es doch auch!

Vor zwei Wochen

hat sich das Oberkommando der Marine

bei mir gemeldet

und von mir eine Karte

der künftig überfluteten Gebiete erbeten.

Ich habe ihnen einen blau angemalten

Globus geschickt.

 

Und vor zehn Tagen

erschien die Steuerfahndung;

die haben den Verdacht,

ich bereite meine Steuerflucht vor.

Ich komme so nicht weiter Herr,

ich bin verzweifelt!

Soll ich nicht doch lieber

meinen Rechtsanwalt

mit auf die Arche nehmen?"

 

Noah fing wieder an zu weinen.

Da hörte der Regen auf,

der Himmel klarte auf

und die Sonne schien wieder.

Und es zeigte sich ein

wunderschöner Regenbogen.

Noah blickte auf und lächelte.

"Herr, du wirst die Erde doch nicht zerstören?“

 

Da sprach der Herr:

"Darum sorge ich mich nicht mehr,

das schafft schon eure Verwaltung!"

 

Aktualisiert am: 08. March 2009 12:39